Die grösste Lawine der Geschichte: Als Yungay unter Millionen Tonnen verschwand
von belmedia Redaktion Allgemein Draussen lawine.ch Lawinen Magazine nachrichtenticker.ch Natur Natur & Naturereignisse News Orte Schweiz Themen Verbreitung wetter24.ch
Am 31. Mai 1970 löste ein schweres Erdbeben am höchsten Berg Perus eine gewaltige Eis-, Fels- und Schuttlawine aus. Zwischen 50 und 100 Millionen Kubikmeter Material rasten vom Nevado Huascarán ins Tal und begruben die Stadt Yungay. Das Ereignis gilt als eine der gewaltigsten und verheerendsten Lawinenkatastrophen der dokumentierten Geschichte.
Die Dimensionen waren aussergewöhnlich: Die Masse aus Fels, Eis, Schnee und Erde legte rund 14,5 Kilometer zurück und überwand dabei fast 4’000 Höhenmeter. Untersuchungen des U.S. Geological Survey kamen auf eine durchschnittliche Geschwindigkeit von etwa 280 bis 335 km/h. Selbst grosse Geländeformen konnten die Lawine nicht stoppen.
Yungay lag direkt im Katastrophengebiet. Innerhalb weniger Minuten wurde praktisch die gesamte damalige Stadt unter den Ablagerungen begraben. Historische Angaben zur Zahl der Todesopfer unterscheiden sich teilweise erheblich. Frühere wissenschaftliche Untersuchungen gingen allein im Bereich von Yungay und Ranrahirca von mehr als 18’000 Todesopfern aus.
Ein Erdbeben brachte den Berg ins Rutschen
Auslöser der Katastrophe war nicht ein klassischer Schneedeckenbruch, wie er bei vielen Lawinen in den Alpen vorkommt. Am Nachmittag des 31. Mai 1970 erschütterte ein schweres Erdbeben die peruanische Region Áncash.
Die Erschütterungen destabilisierten die steile Westflanke des nördlichen Gipfels des Nevado Huascarán. In Höhen zwischen ungefähr 5’500 und 6’400 Metern brachen gewaltige Mengen Fels und Eis ab.
Auf ihrem Weg nach unten vermischte sich das Material mit zusätzlichem Schnee, Eis, Erde und Gestein. Dadurch entstand eine extrem schnelle Trümmerlawine, die mit einer normalen Schneelawine kaum noch vergleichbar war.
Wer verstehen möchte, wie sich klassische Schneelawinen davon unterscheiden, findet hier einen Überblick darüber, wie Lawinen entstehen und welche Lawinenarten besonders gefährlich sind.
Selbst ein natürlicher Schutzwall reichte nicht
Besonders eindrücklich ist, dass zwischen dem Huascarán und Yungay ein natürlicher Geländerücken lag. Dieser hätte kleinere Lawinen beziehungsweise Bergstürze zumindest teilweise abhalten können.
Die Katastrophe von 1970 war jedoch so schnell und mächtig, dass die Massen diese natürliche Barriere überwanden. Untersuchungen dokumentierten Geländeunebenheiten von bis zu rund 140 Metern Höhe, über die sich die Lawine hinwegbewegte.
Mehrere Tonnen schwere Felsblöcke wurden teilweise weit über die eigentliche Ablagerungszone hinausgeschleudert. Zusätzlich entstand eine gewaltige Schlamm- und Wasserwelle, die dem Río Santa über grosse Distanzen folgte und weitere Infrastruktur zerstörte.
War es tatsächlich die grösste Lawine aller Zeiten?
Der Begriff muss genau verwendet werden. Geologisch betrachtet existieren Bergstürze und Massenbewegungen mit deutlich grösserem Volumen. Auch historische Felsstürze können hunderte Millionen oder sogar Milliarden Kubikmeter Material umfassen.
Das Ereignis am Huascarán wird deshalb wissenschaftlich meist als Eis-, Fels- oder Trümmerlawine bezeichnet. Mit geschätzten 50 bis 100 Millionen Kubikmetern Material gehört sie jedoch zu den grössten dokumentierten Lawinen dieser Art und aufgrund ihrer Geschwindigkeit und Folgen zu den aussergewöhnlichsten bekannten Ereignissen.
In der Fachliteratur wurde die Huascarán-Katastrophe sogar als grösste Gletscherkatastrophe der Geschichte bezeichnet.
Schon acht Jahre zuvor gab es eine Katastrophe
Besonders tragisch: Die Gefahr war nicht völlig unbekannt. Bereits 1962 hatte sich am Huascarán eine grosse Eis- und Felslawine gelöst. Sie zerstörte unter anderem Ranrahirca und kostete mehreren Tausend Menschen das Leben.
1970 brach erneut Material aus demselben Bereich des Berges ab – diesmal in nochmals katastrophalem Ausmass.
Das Ereignis zeigt bis heute, weshalb Hochgebirgsregionen nicht nur durch klassische Schneelawinen gefährdet sind. Gletscherabbrüche, instabile Felsflanken, Erdbeben und grosse Höhenunterschiede können mehrere Prozesse miteinander verbinden und Massenbewegungen erzeugen, deren Geschwindigkeit und Reichweite kaum vorstellbar sind.
- Datum: 31. Mai 1970
- Material: rund 50 bis 100 Millionen Kubikmeter Fels, Eis, Schnee und Erde
- Strecke: rund 14,5 Kilometer bis Yungay
- Geschwindigkeit: im Mittel ungefähr 280 bis 335 km/h laut USGS-Untersuchungen
Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert