Lawine oder Murgang: Warum sich beide Naturgewalten so ähnlich sind
von belmedia Redaktion Allgemein Alltag lawine.ch Lawinen Magazine nachrichtenticker.ch Natur Natur & Naturereignisse Natur & Umwelt News Orte Schweiz Themen Unwetter Verbreitung wetter24.ch Wettereinsätze
Lawinen und Murgänge gehören zu den gefährlichsten Massenbewegungen in den Schweizer Alpen. Beide können plötzlich entstehen, mit gewaltiger Kraft talwärts rasen und ganze Verkehrswege oder Gebäude verschütten. Trotzdem unterscheiden sie sich grundlegend: Während eine Schneelawine hauptsächlich aus Schnee besteht, transportiert ein Murgang ein Gemisch aus Wasser, Schlamm, Geröll und Felsblöcken.
Die Ähnlichkeit liegt vor allem in der Bewegung. Beide Naturereignisse werden durch die Schwerkraft angetrieben, beschleunigen im steilen Gelände und können zusätzliches Material mitreissen. Besonders grosse Kräfte entstehen, wenn die bewegten Massen auf Hindernisse treffen. Nassschneelawinen und Murgänge können sich dabei in ihrem Fliessverhalten erstaunlich ähnlich sein.
Für die Schweiz ist diese Unterscheidung wichtig. Im Wallis, in Graubünden, im Berner Oberland und in weiteren Alpenregionen befinden sich Siedlungen und Verkehrswege unterhalb steiler Hänge und Wildbäche. Die Gefahren können sich zudem überschneiden, etwa wenn ein Felssturz nachfolgende Murgänge auslöst. Unterschiedliche Schutzmassnahmen müssen deshalb aufeinander abgestimmt werden.
Wie entsteht eine Schneelawine?
Eine Schneelawine entsteht, wenn Schneemassen an einem Hang ihre Stabilität verlieren und sich talwärts bewegen.
Besonders gefährlich sind Schneebrettlawinen. Dabei bricht eine zusammenhängende Schneeschicht auf einer Schwachschicht ab.
Lockerschneelawinen beginnen dagegen meist punktförmig und nehmen während ihrer Bewegung weiteren Schnee auf.
Bei Staublawinen vermischen sich feine Schneepartikel mit Luft. Daraus kann eine mächtige Schneewolke entstehen, die Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h erreicht.
Nassschneelawinen bewegen sich häufig langsamer, können durch ihre grosse Masse jedoch enorme Kräfte entwickeln.
Was genau ist ein Murgang?
Ein Murgang entsteht, wenn Wasser grosse Mengen loses Gestein, Erde und Geröll in Bewegung setzt.
Häufig geschieht das während intensiver Niederschläge oder bei starker Schneeschmelze.
Das Gemisch fliesst meist durch steile Wildbäche oder bestehende Geländerinnen.
Nach Angaben des Bundesamtes für Umwelt liegt der Feststoffanteil typischer Murgänge bei ungefähr 30 bis 60 Prozent.
Besonders gefährlich ist die vordere Front. Dort können grosse Felsblöcke und Baumstämme mitgeführt werden.
Murgänge treten oft in mehreren Schüben auf. Auch nach der ersten Welle kann deshalb weiteres Material folgen.
Warum verhalten sich beide so ähnlich?
Der wichtigste gemeinsame Antrieb ist die Schwerkraft.
Sobald Material an einem steilen Hang seine Stabilität verliert, setzt es sich in Bewegung und beschleunigt talwärts.
Dabei bestimmen Masse, Geschwindigkeit, Geländeform und Materialzusammensetzung die Wirkung.
Beide Prozesse können Hindernisse zerstören, Material aufnehmen und mächtige Ablagerungen hinterlassen.
Besonders ähnlich sind Murgänge und nasse Fliesslawinen. Beide können als dichte, fliessende Massen auftreten.
Eine Staublawine unterscheidet sich dagegen deutlich: Sie entwickelt zusätzlich eine schnelle, turbulente Wolke aus Luft und Schneepartikeln.
Wasser verbindet die beiden Naturgefahren
Wasser spielt bei beiden Prozessen eine wichtige, aber unterschiedliche Rolle.
Bei einer Nassschneelawine dringt Schmelz- oder Regenwasser in die Schneedecke ein. Dadurch können bestehende Verbindungen zwischen Schneekristallen und Schichten geschwächt werden.
Bei einem Murgang sorgt Wasser dafür, dass lose Gesteinsmassen mobilisiert und transportiert werden können.
Steigende Temperaturen und Regen auf Schnee können daher beide Gefahren beeinflussen.
Wie sich die Lawinengefahr bei Erwärmung und Regen verändert, ist besonders für die Beurteilung von Nassschneelawinen bedeutsam.
Bondo zeigt die Verbindung verschiedener Gefahren
Ein eindrückliches Beispiel liefert die Katastrophe von Bondo im Bergell.
Am 23. August 2017 stürzten am Piz Cengalo mehrere Millionen Kubikmeter Felsmaterial ab.
Die Gesteinsmassen vermischten sich mit Wasser und lösten einen gewaltigen Murgang aus.
Dieser bewegte sich durch das Val Bondasca bis in den Bereich des Dorfes Bondo.
Acht Menschen kamen beim Bergsturz ums Leben. In Bondo entstanden massive Sachschäden.
Das Ereignis zeigt, dass ein Bergsturz weitere gefährliche Massenbewegungen auslösen kann – selbst bei schönem Wetter.
Wie unterscheiden sich die Schutzmassnahmen?
Gegen Schneelawinen kommen beispielsweise Lawinenverbauungen, Schutzwälder, Dämme und kontrollierte künstliche Auslösungen zum Einsatz.
Für den Wintersport sind das aktuelle Lawinenbulletin, die Schneedeckenbeurteilung und eine angepasste Tourenplanung entscheidend.
Bei Murgängen stehen hingegen Rückhaltebecken, Geschiebesammler, Schutzdämme und die Überwachung gefährdeter Wildbäche im Vordergrund.
Warnanlagen können bestimmte Ereignisse erkennen und bei ausreichender Vorwarnzeit Sperrungen auslösen.
Für beide Naturgefahren sind Gefahrenkarten und klare Evakuierungs- beziehungsweise Sperrkonzepte wichtig.
Warum die Unterscheidung Leben retten kann
Umgangssprachlich werden Murgänge häufig als Schlammlawinen bezeichnet. Das beschreibt ihre Erscheinung, macht sie jedoch nicht zu Schneelawinen.
Die Unterscheidung ist auch für das Verhalten im Gelände wichtig.
Bei Lawinengefahr müssen besonders Schneedecke, Hangneigung und Exposition beurteilt werden.
Bei starken Niederschlägen sind dagegen steile Bachgerinne, Geröllrinnen und Schwemmkegel besonders kritisch.
Wer einen beginnenden Murgang beobachtet oder ungewöhnliches Rumpeln aus einem Wildbach hört, muss gefährdete Bereiche sofort verlassen und darf das Gerinne nicht betreten.
Die wichtigste Gemeinsamkeit bleibt: Sowohl Lawinen als auch Murgänge können innerhalb weniger Sekunden lebensgefährlich werden.
Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert