Wie entsteht eine Lawine – und welche ist am gefährlichsten?
von belmedia Redaktion Allgemein Alpin Berge Draussen lawine.ch Lawinen Magazine nachrichtenticker.ch Natur Natur & Naturereignisse News Orte Regionen Schweiz Schweiz Sicherheit Themen Unwetter Verbreitung wetter24.ch Wettereinsätze
Lawinen entstehen, wenn die Schneedecke an einem Hang ihre Stabilität verliert und grosse Schneemassen ins Rutschen geraten. Entscheidend sind dabei nicht nur Neuschnee und Steilheit, sondern vor allem der Aufbau der Schneedecke, Wind, Temperatur und schwache Schichten im Schnee. Für Wintersportler besonders gefährlich sind Schneebrettlawinen: Sie verursachen laut dem WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF mehr als 90 Prozent der Lawinenopfer.
Eine Lawine beginnt häufig mit einem kleinen Bruch in der Schneedecke. Besonders kritisch ist die Kombination aus einer gebundenen, relativ festen Schneeschicht und einer darunterliegenden Schwachschicht. Gibt diese Schwachschicht nach, kann sich der Bruch innerhalb von Sekunden über einen grossen Teil des Hanges ausbreiten. Das darüberliegende Schneebrett löst sich und gleitet talwärts. Schneebrettlawinen benötigen in der Regel Hänge von mindestens rund 30 Grad Neigung.
Doch Lawinen entstehen nicht alle auf dieselbe Weise. Neben Schneebrettlawinen gibt es Lockerschneelawinen, Nassschneelawinen, Gleitschneelawinen und besonders schnelle Staublawinen. Welche davon am gefährlichsten ist, hängt davon ab, ob man die Gefahr für einzelne Wintersportler oder die mögliche Zerstörungskraft betrachtet.
Die Schneedecke ist kein homogener Block
Schnee fällt während eines Winters unter sehr unterschiedlichen Bedingungen. Temperatur, Wind, Niederschlag und Sonneneinstrahlung verändern ihn laufend. Dadurch entsteht eine Schneedecke aus vielen einzelnen Schichten.
Einige dieser Schichten sind sehr stabil, andere können ausgesprochen schwach sein. Genau diese Unterschiede sind für die Lawinenbildung entscheidend. Liegt eine feste Schneeschicht auf einer schwachen Unterlage, kann bereits eine zusätzliche Belastung den entscheidenden Bruch verursachen.
Diese Zusatzbelastung kann durch neuen Schnee, verwehten Schnee oder einen Menschen entstehen. Skifahrer, Snowboarder und Schneeschuhwanderer können eine Schneebrettlawine deshalb selbst auslösen.
Wind ist einer der wichtigsten Faktoren
Besonders aufmerksam beobachten Lawinenexperten den Wind. Er kann Schnee von einer Stelle abtragen und an einer anderen wieder ablagern.
Dabei entstehen sogenannte Triebschneeansammlungen. Sie finden sich häufig hinter Geländekanten, in Rinnen, Mulden und an windabgewandten Hängen. Der verfrachtete Schnee kann sich zu einer gebundenen Schicht verbinden und damit eine klassische Voraussetzung für ein Schneebrett schaffen.
Gerade nach starkem Wind können deshalb auch Hänge gefährlich sein, an denen vergleichsweise wenig Neuschnee gefallen ist.
Schneebrettlawinen sind für Menschen am gefährlichsten
Die mit Abstand wichtigste Unfalllawine ist die Schneebrettlawine. Nach Angaben des SLF sind Schneebrettlawinen für mehr als 90 Prozent der Lawinenopfer verantwortlich.
Das liegt auch daran, dass die betroffene Person häufig selbst den entscheidenden Bruch auslöst und damit bereits mitten auf der später abrutschenden Fläche steht. Eine typische von Wintersportlern ausgelöste Schneebrettlawine kann etwa 50 Meter breit und 150 bis 200 Meter lang sein.
Sie muss also keineswegs gigantisch aussehen, um lebensgefährlich zu sein.
Staublawinen erreichen extreme Geschwindigkeiten
Zu den spektakulärsten und zerstörerischsten Lawinen gehören Staublawinen. Sie entstehen meistens aus grossen Schneebrettlawinen.
Wenn genügend trockener Schnee vorhanden ist und eine Lawine über eine grosse Fallhöhe verfügt, vermischt sich der Schnee mit Luft. Dadurch entsteht eine mächtige Schneestaubwolke.
Nach Angaben des SLF können solche Lawinen Geschwindigkeiten von bis zu rund 300 km/h erreichen. Grosse Staublawinen können Wälder beschädigen, Gebäude zerstören und weit über die eigentliche Fliesszone hinaus gefährlich werden.
Für die einzelne Person im freien Gelände ist die Schneebrettlawine statistisch trotzdem das deutlich grössere Risiko.
Nassschneelawinen: Wasser schwächt die Schneedecke
Nassschneelawinen treten vor allem dann auf, wenn Wasser in die Schneedecke eindringt. Ursache kann starke Erwärmung oder Regen sein.
Das Wasser schwächt die Bindung zwischen einzelnen Schneeschichten. Dadurch können sich sowohl nasse Schneebretter als auch Lockerschneelawinen lösen.
Typisch ist eine zunehmende Gefahr im Tagesverlauf während des Frühlings. Nach einer kalten und klaren Nacht kann die Schneedecke am Morgen noch gefroren und relativ stabil sein. Mit steigenden Temperaturen nimmt die Stabilität jedoch ab.
Lockerschneelawinen beginnen an einem Punkt
Lockerschneelawinen unterscheiden sich deutlich von Schneebrettern. Sie beginnen normalerweise punktförmig und werden auf ihrem Weg nach unten immer breiter.
Dabei reisst der rutschende Schnee laufend zusätzliches Material mit. Trockene Lockerschneelawinen entstehen häufig in sehr steilem Gelände mit lockerem Pulverschnee, nasse Varianten dagegen oft bei Erwärmung.
Kleinere Lockerschneerutsche sind meist weniger gefährlich als grössere Schneebretter. In extrem steilem Gelände können sie einen Menschen allerdings mitreissen und zu einem Absturz führen.
Wann ist die Gefahr besonders gross?
Eine hohe Lawinengefahr entsteht häufig nach starkem Schneefall, bei intensivem Wind, bei einer ungünstigen Altschneedecke oder bei rascher Erwärmung und Regen.
Entscheidend ist aber nicht nur die Menge des Schnees. Ein Hang kann auch mehrere Tage nach dem letzten Schneefall noch gefährlich sein, wenn tief in der Schneedecke eine instabile Schwachschicht erhalten bleibt.
Genau deshalb veröffentlicht das SLF regelmässig das offizielle Lawinenbulletin für die Schweizer Alpen, den Jura und Liechtenstein. Es beschreibt nicht nur die Gefahrenstufe, sondern auch die besonders gefährdeten Höhenlagen, Expositionen und vorherrschenden Lawinenprobleme.
- Schneebrettlawine: Für Wintersportler die gefährlichste Lawinenart und Ursache von mehr als 90 Prozent der Lawinenopfer.
- Staublawine: Kann bei grossen Ereignissen Geschwindigkeiten bis rund 300 km/h erreichen und enorme Zerstörungskraft entwickeln.
- Nassschneelawine: Entsteht durch Wasser in der Schneedecke, besonders bei Erwärmung oder Regen.
- Lockerschneelawine: Beginnt punktförmig und nimmt auf dem Weg ins Tal immer mehr Schnee mit.
| Stufe | Bezeichnung | Einordnung |
|---|---|---|
| 1 | gering | Lawinen meist nur bei grosser Zusatzbelastung an einzelnen extremen Steilhängen möglich |
| 2 | mässig | Auslösung vor allem bei grosser Zusatzbelastung möglich |
| 3 | erheblich | Auslösung bereits bei geringer Zusatzbelastung möglich |
| 4 | gross | Viele spontane mittlere und grosse Lawinen zu erwarten |
| 5 | sehr gross | Viele sehr grosse spontane Lawinen auch in mässig steilem Gelände möglich |
Quelle: belmedia-Redaktion
Bildquelle: Symbolbild – Titelbild – KI-generiert